«ADHS Diagnose oft falsch» – auf der Suche nach dem Umgang
«Hat mein Kind ein ADHS oder hat es nicht?» Diese Frage stellen sich viele Eltern. Oft, weil das Kind Konzentrationsstörungen und sehr viel Bewegungsdrang hat. Kritiker weisen zu recht darauf hin, das hinter Unkonzentriertheit auch zu hohe Erwartungen stehen können und dem Bewegungsbedürfnis der Kinder zu wenig Rechnung getragen wird. Unkonzentriertheit bedeutet also nicht unbedingt gleich eine ADHS-Diagnose. Ob ein Kind ein ADHS, ADS hat oder nicht, benötigt eine vertiefende Abklärung durch eine Fachperson. In diesem Artikel geht es um dem Umgang mit ADHS.
Die Themen im Überblick:
ADS-, ADHS-Kinder brauchen oft zusätzliche Unterstützung.
ADHS, ADS ja oder nein?
In den Medien ist immer wieder zu lesen, dass bei früh eingeschulten Kindern häufig zu Unrecht ADHS diagnostiziert und Ritalin verabreicht werde. Dies könne die Schulzeit und die Gesundheit der betroffenen Kinder erheblich belasten. Basis für diese Aussage bildet diverse Studien. Der Stempel «ADHS» würde Schülern oft bis zum Ende ihrer Schulzeit anhaften, sagt Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm.
Vorsicht vor zu schnellen «Diagnosen!»
Wenn das Kind schon früh zu hohe Leistungsanforderungen erfüllen muss, muss es all die Anforderungen und Reize irgendwie verarbeiten. Wenn es selbst Überforderung nicht ausleben darf, wird es früher oder später sein Körper sein, der klare Signale setzt.
Unruhe, Träumen und Unkonzentriertheit können auch eine mögliche Folge von Dauerstress und zu hohen Erwartungen sein. Der Mensch, ob jung oder alt, ist keine Maschine und hat unbestreitbar Grenzen, die es zu akzeptieren gilt.
Aussere Eindrücke lösen bei ADHS, ADS-Kindern verstärkt Unkonzentriertheit und Unruhe aus.
ADHS und wie gehe ich damit um
Bevor die Diagnose ADHS gestellt wird, sollen umfassende Untersuchungen durch Fachpersonen Klarheit schaffen.
Wenn bei einem Kind ADHS (ADS) durch eine Fachperson diagnostiziert wird, bedeutet dies fürs Kind selber und sein gesamtes Umfeld, einen neuen Umgang im zwischenmenschlichen Bereich zu akzeptieren und zu lernen.
Was bisher als «Normal» angesehen wurde, kann nicht mehr als Massstab genommen und darf auch hinterfragt werden.
Wichtig ist eine gehörige Portion Geduld, der Wille zum gemeinsamen Weg und die Sicht, dass ADHS Kinder eine Chance bieten, das Leben von einer neuen, bisher unbekannten Art zu entdecken. Gelingt dies, erhält das Leben mehr Tiefe und einen anderen Sinn!
ADHS betroffene Eltern: «Das würden wir im Nachhinein anderes machen»
Die nachfolgende Einschätzung ist von einem Elternpaar, das drei Kinder mit der Diagnose ADHS, ADS hat. Die ehemaligen Kinder sind heute erwachsen, haben ihre Ausbildung erfolgreich absolviert und sind zum Teil bei ihren Arbeitgebern für die interne Lehrlingsausbildung verantworlich oder künstlerisch stark unterwegs.
Nachstehend die Einschätzung der Eltern, rückblickend, wie sie ADHS, bzw. den Umgang damit erlebt haben und was sie heute anders machen würden:
ADHS, ADS fördern uns aus unserem normalen und sehr leistungsorientierten Alltag heraus.
Das Leben ist mit ADHS, ADS nunmal anders ...
Der deutsche Liedermacher Arno Backhaus hat es in der Sendung «Ein genialer Chaot: Arno Backhaus (ADS, ADHS)» im FENSTER ZUM SONNTAG auf SRF 2, treffend formuliert:
«AD(H)S-ler sind wie Diamanten. Man muss sie mit Fassung tragen».
Die meiste Kraft verlieren wir, indem wir ADHS vermeiden wollen. Wenn wir es akzeptieren, finden wir viel eher einen guten Umgang damit.
ADHS Kinder brauchen Eltern, die bereit sind, auf vieles zu verzichten. Sie brauchen Eltern, die Verantwortung übernehmen und zu ihren Kindern stehen.
Natürlich sind oben einige Punkte aufgeführt, die für jedes «normale» Kind auch gelten. Bei ADHS Kindern ist das Empfinden und Verhalten einfach oft viel ausgeprägter.
«Hallo, ich heisse ADHS»
Hallo, meine Name ist ADHS. Viele haben Mühe mit mir, weil ich etwas anders bin. Mit mir brauche man mehr Zeit und Geduld. Manchmal träume ich, lebe in meinen Geschichten und kann dann nicht auch noch alle anderen Aufgaben erfüllen.
Oft gehe ich eigene Wege, wenn die normalen zu schwierig sind. Anderen gelingt vieles besser. Ich möchte auch so schön ausmalen können, wie meine Schulfreundin. Leider fehlt mir die Geduld dazu. Wenn ich voller Begeisterung anfange, merke ich plötzlich, dass das ja viel zu lange dauern würde.
Wenn dann meine Eltern, der Lehrer oder sogar meine dicksten Freunde wütend werden, geht es mir gar nicht gut.
Ich will es doch nur richtig machen. Ich will mit meinen Eltern und Freunden das Leben genau gleich wie sie, entdecken…
Die «einfachsten Dinge» wie Zähne putzen, Aufräumen, Essen, brauchen immer soo viel Zeit. Es ist oft dunkel, wie wenn es ganz fest regnet. Ich möchte so gerne, dass die Sonne scheint, aber ich schaffe es einfach nicht.
ADHS Kinder (und Erwachsene) brauchen viel Geduld, Zeit und starke Einzelbeziehungen.
Statt Ratschläge Akzeptanz und Wohlwollen leben
Als Eltern mit ADHS-, ADS-Kindern fühlt man sich oft einsam, nicht gehört und nicht verstanden. Wie schnell werden Ratschläge vom sozialen Umfeld erteilt, wie man es machen muss. «Frag doch KI.» Die unverlangte Beratung kann ganz schön niederschmetternd sein.
Manchmal sind nicht die Erreichung von «Normalität» oder gar die Anforderung von Wirtschaft und Schulsystem, die Lösung. Viel mehr wäre zu fühlen, dass da jemand ist, der einem hört und zu verstehen versucht – und das ohne Kommentar – fördernd und Kraft spendend.
Ein Umgang mit Wohlwollen und Akzeptanz tut allen gut und hilft uns, mit offenen Fragen und Spannungen besser umzugehen.
Realistische Ziele tun allen wohl
Vielleicht werden betroffene Kinder später nicht das Gymasium besuchen oder Chef eine Grossbank. Doch geht es wirklich darum? Oder einfach, dass sie auf ihre Art und Weise ihr Leben bewältigen, einen Beruf haben, der ihnen Freude bereitet und dass sie ihren Lebensunterhalt selbst bewerkstellen können?
Diese entspannende Haltung bewirkt schon enorm viel – bei betroffenen Kindern und ihren Eltern und ganz sicher auch in ihrem sozialen Umfeld, das ehrlicherweise auch unter einem grossen Leistungsdruck leidet …
© christliche-lebensberatung.ch – aktualisiert am 10.9.2026/Andreas Räber
Redaktionelle Leitung und Autor von christliche-lebensberatung.ch
Andreas Räber ist Enneagramm-Coach, Trainer und GPI®-Coach, sowie Autor von zahlreichen Blogs, Fachartikeln und Kurzgeschichten aus den Bereichen Beruf, Beziehung, Gesundheit und Leben. Er ist Inhaber der Ratgeber und Webplattformen coaching-persoenlichkeitsentwicklung.ch, christliche-werte.ch, berufliche-neuorientierung.ch, ausbildung-tipps.ch.












